Tony Bennett & Lady Gaga - Cheek To Cheek (Deluxe)

Review Tony Bennett & Lady Gaga - Cheek To Cheek (Deluxe)

Eine achtundzwanzigjährige Pop-Sängerin, der außerhalb der Popwelt der Ruf voraus eilt, mehr Kunstprodukt als Künstlerin zu sein, trifft auf diesem Album auf Tony Bennett, der mit seinen achtundachtzig Jahren als gestandener Jazzsänger Grammy-überhäuft ganz das Gegenteil einer Lady Gaga ist. Was ist hier passiert? Warum gibt es dieses Highlights des Great American Songbook gewidmete, gemeinsame Album von zwei derart konträren Sängern und Persönlichkeiten? Angeblich deshalb, weil Lady Gaga gerade in einer tiefen Sinnkrise steckte, als sie auf Tony Bennett stieß, der ihr Trost zusprach und der sie, ganz galanter Übervater, mit dem Kompliment verwöhnte, die größte Popsängerin diese Planeten zu sein. Vor allem aber zeigte er ihr den einzig sicheren Weg aus ihrer Sinnkrise auf: Lady Gaga muss ihr Dasein als Kunstprodukt, ihre selbst erschaffene Welt, in der sie überaus erfolgreich ist, zumindest für einige Zeit verlassen, um in der wahren, bodenständigen Welt des Jazzgesangs Trost und Heilung zu finden. Und das am allerbesten an der ausgestreckten Hand eines Tony Bennett. Gesagt getan, schon finden wir die beiden, das gemeinsame Album „Cheek To Cheek“ produzierend, vereint im New Yorker Studio vor den Mikrophonen wieder. Und siehe da, schon kann von einer Sinnkrise keine Rede mehr sein. Alles Friede, Freude, Eierkuchen. Ob diese Geschichte wahr, oder bloß geschicktem Marketing geschuldet ist, sei dahingestellt. Jedenfalls ist sie beinahe zu schön um wahr zu sein, aber durchaus herzerwärmend.

Wie man Songs des Great American Songbook wieder und wieder zum Leben erweckt und erneut Funken daraus schlägt, das weiß keiner besser als Tony Bennett, der dies seit vielen Jahrzehnten erfolgreich in die Tat umsetzt. Was man braucht, ist neben einer auf Swing getrimmten Stimme eine Band kompetenter Musiker. Auf „Cheek To Cheek“ sind das die Mitglieder von Bennetts Quartett – Mike Renzi, Gray Sargent, Harold Jones und Marshall Wood – und der Pianist Tom Lanier. Mit der von der Partie ist der Lady Gaga in Freundschaft verbundene Jazztrompeter Brian Newman mit seinem New Yorker Jazzquintett. Und mit dabei sind zahlreiche, dem Jazz verschworene Studiomusiker, wie der Tenorsaxofonist Joe Lovano sowie der Anfang Juli verstorbene Flöten-Virtuose Paul Horn.

Dass man Songs des American Songbook, wie auf „Cheek To Cheek“ auch als Duo präsentieren kann, ist an sich nichts Neues. Neu und durchaus einigermaßen krass ist allerdings die Kombination einer Jazzstimme mit einer als grell und garstig berüchtigten Popstimme. Allerdings gilt wohl auch hier: Nichts ist unmöglich. Nicht nur das, funktioniert diese Kombination im Falle Tony Bennett und Lady Gaga sogar überraschend gut. Geschuldet ist dies der Pop Lady Gaga, die offensichtlich und hörbar mehr kann als schräge Popsongs zu trällern. Kein Zweifel, das Mädel kann singen. Und dies demonstriert sie vor allem in den schnelleren Songs mit und ohne Tony Bennett, deren Schwung ansteckend wirkt, und die nicht zuletzt davon leben, dass die wilde Herangehensweise einer Lady Gaga mit dem entspannten, weichen Phrasieren eines Tony Bennet Funken schlagend kontrastiert.

Die langsamer daher kommenden, und mitunter leiseren Songs hingegen sind vergleichsweise nicht der ganz große Knüller. Dazu fehlt es Lady Gaga zumindest bislang an Ausdrucksvermögen und Tiefgang der Gestaltung, an dem also, was große Jazzsängerinnen, wie etwa Ella Fitzgerald auszeichnet und einzigartig macht. Das alles würde ihr vielleicht im Lauf der Jahre zuwachsen, wenn sie auf Jazzkurs bliebe. Und tatsächlich möchte sie nach der positiven Erfahrung mit Tony Bennett jetzt jährlich ein Jazzalbum vorlegen. Lassen wir uns also überraschen.

Lady Gaga Wange an Wange mit Tony Bennett auf leichtem Jazzkurs: Das geht im Rahmen von „Cheek To Cheek“ überraschenderweise durchaus auf, weil die beiden so unterschiedlichen Sänger die 60 Jahre Erfahrung, die der Ältere der Jüngeren voraus hat, mit Charme und offenkundiger Zuneigung füllen. Ein sympathisches Album, das man gehört haben sollte.


Spektrogramm
Abtastrate 96 kHz: verifiziert
Abtastbreite 24 Bit: in Ordnung

Kommentar:
Technisch mögliches Spektrum voll ausgeschöpft.

Tony Bennett & Lady Gaga - Cheek To Cheek (Deluxe)

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