Christian Weidner - Every Hour of the Light and Dark

Review Christian Weidner - Every Hour of the Light and Dark

Die Zeiten, in denen der Free Jazz ähnlich der sogenannten neuen klassischen Musik als Bürgerschreck galt, der für leere Konzertsäle sorgte, sind vorbei. Heute wird diese Strömung des Jazz, deren Bezeichnung auf eine LP Ornette Colemans aus dem Jahr 1960 zurückgeht, weitgehend als eine der zahlreichen Ausdrucksmöglichkeiten des Jazz goutiert und Konzertveranstalter setzen Bands, wie das Weidner Quartett in seiner aktuellen Besetzung ob der enormen Nachfrage entspannt auf ihr Veranstaltungsprogramm. Immerhin ist ja seit Colemans Weckruf bereits ein halbes Jahrhundert ins Land gegangen und für beinahe zwei Generationen stellt der Free Jazz den Normalfall dar.

Bei Pirouet ist jetzt mit Every Hour of Light and Dark bereits das vierte Album mit dem Altsaxofonisten Christian Weidner erschienen. Der unmittelbare Vorgänger des aktuellen Albums, dem zweiten Album mit derselben Quartettbesetzung – Dream Boogie – war ob seiner allseits gelobten eleganten, ja geradezu beschwingten, jedoch niemals glatten Gangart international ein enormer Erfolg bei Presse und Publikum. Kein Wunder also, dass sich Pirouet getraut hat, ein weiteres Album mit den Musikern dieses bewährten Quartetts aufzulegen.

Sämtliche Stücke des aktuellen Albums stammen aus dem Ideenpool des Bandleaders, der unter anderem bereits zu einem frühen Zeitpunkt seiner Karriere von der deutschen Avantgarde-Legende Gunter Hampel, aber auch von Kenny Werner inspiriert erkannt hat, dass eine eigenständige Musiksprache die Voraussetzung dafür ist, als Free Jazzer nachhaltig zu bestehen. Dass er eigenständig Neues zu schaffen vermag hat Christian Weidner bereits mit seinen früheren Alben bewiesen. Dass seine spezielle Gangart noch um einige Grade verfeinert werden kann, demonstriert er gleich mit dem ersten Stück des jetzt vorgelegten Albums. In Thetys schwebt der delikate Saxophonsound, den Weidner aus einem Instrument zaubert, der impressionistischen Welt eines Claude Debussy verwandt, über den Köpfen seiner Quartettkollegen, die dieser unaufgeregten, farbigen Klangwelt eine unaufgeregte Grundlage schaffen, auf der sie erblüht und gedeiht.

Die Gewichtslosigkeit In Weightless, die ausladenden Leerräumen zwischen den Noten geschuldet ist, schafft eine zauberhafte Klanglandschaft, die zeitlos aufgespannt bis ins Unendliche zu reichen scheint. Konträr dazu, nämlich energiegeladen und rhythmisch vorwärtsdrängend geht es im Dance Fantasm zu, bevor die Stimmung nach diesem heiteren, aber kurzen Zwischenspiel mit In Memoriam in ruhiges Fahrwasser zurückkehrt. Der Kreis schließt sich durch Rückkehr zur Stimmung des Anfangstitels in As Long as Now.

Der feinmaschig gewebte, farbige Sound des Quartetts wurde von Jason Seizer im Oberhachinger Tonstudio von Pirouet Records kongenial eingefangen und kompetent abgemischt.



Christian Weidner, Altosaxophon
Achim Kaufmann, Klavier
Henning Sieverts, Bass
Samuel Rohrer, Schlagzeug


Christian Weidner - Every Hour of the Light and Dark

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